Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat

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Datum

Fr. 09. September 2022

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k.A.

nach dem Roman von Hervé Guibert | aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel | Regie: Florian Fischer
Mit: William Cooper, Gina Haller, Thomas Huber, Risto Kübar

Muzil, der Philosoph, der eine Freund, der sterben wird und das weiß, liegt im Krankenhaus und sagt: „Man denkt immer, es gebe über diese Art von Situation etwas zu sagen, und jetzt gibt es überhaupt nichts zu sagen.“ Nach Muzils Tod läuft Hervé Guibert durch die Straßen und singt laut ein Chanson von Françoise Hardy: „Und wenn ich vor dir gehe / denk daran, ich bin immer da / ich werde mich dem Regen und dem Wind vermählen / damit ich dich immer streicheln kann.“ Hervé Guibert hat Aids. „Ich hatte drei Monate lang Aids“, ist der erste Satz seines Romans Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat. Der letzte Satz klingt wie ein Anfang: „Ich habe endlich meine Kinderbeine und Kinderarme wieder.“ Zwischen diesen beiden Sätzen unternimmt Guibert den Versuch einer Selbstenthüllung, den Versuch, das Selbst zu enthüllen wie das Blut, von dem er fühlt, es sei „plötzlich freigelegt, entblößt, nackt“.

Wie verändert die Infektion mit einem tödlichen Virus den Bezug zum Selbst und zu den Mitmenschen? Aus Guiberts Buch erfahren wir vom Leben mit der Krankheit und vom Leben gegen den Tod. Es nur als eines über Aids zu sehen, wäre ein Missverständnis. Vielmehr erzählt das Buch von Liebe und Verrat, Berührungen, Freundschaft und Macht. Hervé Guibert schreibt von Personen, deren Leben auf verschiedene Art durch HIV verändert wurde: von seinem aidskranken Geliebten Jules, vom 1984 offiziell an Krebs gestorbenen Muzil (hinter dem sich Michel Foucault verbirgt) und von Bill, dem im Titel genannten Freund und Pharma-Manager, der ihm das Leben nicht gerettet hat. Immer wieder klammert sich der Erzähler an das Versprechen auf Heilung und stürzt von der Enttäuschung in Verzweiflung.

Der Schriftsteller Guibert, 1955 in Paris geboren und dort 1991 verstorben – also in einer Zeit, als das Virus nach Europa kam und man(n) als Homosexueller schnell ausgestoßen wurde –, war auch Fotograf. Seine Bilder von Gegenständen, Zimmern und seine Selbstporträts spiegeln den Wunsch, das Leben festzuhalten und würdevoll zu gestalten. Zurzeit werden er und sein Werk in der bildenden Kunst und im Diskurs über den Umgang mit HIV wiederentdeckt.

Die Theaterinszenierung von Florian Fischer spürt den verschiedenen künstlerischen Spuren von Hervé Guibert nach, der uns teilhaben lässt an dem, was es heißt, in Zeiten von Krankheit sich und andere zu lieben. Und sich der Welt zuzumuten: in Schönheit, Selbstachtung, Sterblichkeit.

Foto: Veranstalter:in | Künstler:in


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Schauspielhaus Bochum
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